Heilung eines Besessenen – Markus-Evangelium 5,1-20

Endstation

Nebelschwaden kriechen vom See zu uns herüber. Mein Blick wandert die Landschaft am Seeufer entlang und sucht nach einem geeigneten Lagerplatz für die Nacht. Die Schweine grasen friedlich am Hang in weiter Ferne. In zwei Stunden geht die Sonne unter, bis dann muss das Lager aufgeschlagen und die Umfriedung für die Herde fertig sein. Hoffentlich lässt der Nebel sich noch etwas Zeit, sonst werden wir nicht rechtzeitig fertig. Vor den Felsen ist eine kleine Senke mit einer leichten Böschung, die einen natürlichen Wall bildet. Der ideale Lagerplatz!

Wir machen uns auf den Weg. Aus den Bergen dringen seltsame Töne zu uns herunter. Wir bleiben stehen. »Wölfe?« — »Nein! Komm weiter, beeile Dich!« Als wir den Lagerplatz erreichen, ziehen schon die ersten Nebelschwaden heran. Jetzt muss jeder Handgriff sitzen. Wieder diese Töne. Ich bekomme eine Gänsehaut. Es sind garantiert Wölfe. »Lass uns die Schweine holen.« — »Das Lager ist noch nicht fertig.« — »Der Nebel zieht schneller auf als gedacht. Lass uns die Schweine holen! Die werden nervös von diesem Gejohle.«

Die Schweine sind sicher — wir sind hungrig und erschöpft. Wir beginnen mit den Arbeiten am Lager. Ein gellender Schrei dringt vom Felsen direkt über uns herunter. Ich starre angestrengt in die Nacht hinaus. Steine schlagen den Hang hinab. Jaulen, Krähen und Kichern folgen. Die Schweine laufen unruhig in ihrer Umfriedung hin und her. Hoffentlich bricht das Gatter nicht. Einige Schweine rennen gegen das Gatter, andere versuchen die Böschung hinauf zu fliehen. Das Kichern wird immer lauter — die Schweine immer nervöser. »Die Stangen für das Gatter! — Wo sind die Stangen?« Die Umfriedung hält. Die Geräusche ebben ab, die Schweine beruhigen sich, wir sinken erschöpft zu Boden. »Was ist das?« — »Lass uns das Lager errichten!« — »Nein, es ist zu spät, um jetzt noch die Zelte aufzuschlagen. Lass uns nur ein Feuer machen.« — »Was ist das?« — »Versuch zu schlafen! — Morgen wird ein anstrengender Tag. — Für heute Nacht ist es vorbei.«

An Schlafen ist nicht zu denken. Nebel und Mond zeichnen Gespenster an die Felsen. Die Alten beruhigen die Tiere. Ich lausche — Stille. Die gesamte Nacht sehe ich Wölfe mit Hahnenköpfen und Menschenhänden, die Steine werfen und schreien. »Steh auf! — Pack deine Sachen! — Wir brechen auf und treiben die Schweine weiter die Hügel hinauf. — Komm nach, wenn du fertig bist!« Entsetzt starre ich hinter dem Alten her. Wo bin ich? Ich kann mich nicht rühren, jeder Muskel meines Körpers schmerzt. Was ist in der Nacht geschehen? Langsam erinnere ich mich. Die ersten Sonnenstrahlen durchdringen bereits den Nebel. Es muss schon spät sein. Die Alten haben das Lager geräumt. Ich bin allein.

In der Ferne sind Stimmen zu hören. Ob es das Monster ist? Die Stimmen werden lauter. Sie kommen vom Ufer. Sie hören sich an wie Galiläer. Durch den Nebel hindurch sind Fischerboote zu erkennen. Nichts wie weg hier. Ich ergreife mein Bündel und steige den Hügel hinauf. Der Weg ist gut zu erkennen. Er führt an einem Friedhof vorbei. Einige Grabhöhlen sind offen. Die Herde ist direkt daran vorbei gezogen, das ist gut an den Spuren zu erkennen. Gibt es noch einen anderen Weg? Ehe ich mich entscheiden kann, sehe ich das Monster. Es kommt aus einer Grabhöhle und rennt auf mich zu. Schnell drehe ich mich um. Besser Galiläer als dieses Monster. Ich stürze. Endstation! Auf dem Gegenüber liegenden Hügel sehe ich die Herde mit meiner Familie — unerreichbar! Für mich ist hier Endstation — Endstation Grabhöhle.

Das Monster bleibt stehen, wirft sich auf den Boden, jammert und schreit: »Was willst Du von mir, Jesus, Sohn Gottes des Höchsten? Ich beschwöre Dich bei Gott, mich nicht zu quälen.« Die Galiläer kommen näher. Einer von ihnen, er heißt Jesus, fragt das Monster nach seinem Namen. Er antwortet Legion und dann passiert etwas unbegreifliches: Die Schweine meiner Familie rennen wild, quiekend auf den Abgrund zu, stürzen sich in den See und ertrinken — die Gesichtszüge des Monsters glätten sich, alles Angst einflößende weicht von ihm, er steht auf und ist ein Mensch.

Jesus sagt zu ihm: »Geh nach Hause zu den deinen und berichte ihnen, was der Herr für dich getan hat und wie er Erbarmen mit dir hatte!« Seitdem bin ich unterwegs mit Jesus und wenn die Leute mich fragen: »Wohin gehst du?« — Sage ich: »Immer weiter auf dem Weg — auf dem Weg nach Hause!«

Heilung eines Besessenen – Markus-Evangelium 5,1-20

Wohlwollen und guter Mut

In der Schöpfungsgeschichte (Gen 2,19) bekommt der Mensch vom Schöpfer den Auftrag allem einen Namen zu geben. Für mich heißt das: Ich soll Wesen und Würde von allem entdecken; bei mir selbst, bei meinen Mitmenschen, in den menschlichen Gemeinschaften, bei Tieren und Pflanzen und in allen Dingen.

Manche Namen sind liebevoll, zärtlich und dankbar, mit einem wohlwollenden Klang; einige klingen erstaunt, ratlos und befremdlich. In anderen Namen kommt sogar Angst und Erschrecken zum Ausdruck. Denn auch Böses und Übles darf benannt werden — muss es sogar, wenn es auf scheint, sich zu erkennen gibt und den eigenen Blick verdunkelt.

Jedoch bleibt der Name den Gott seiner Schöpfung gab: Er sah und sagte: GUT. Und mit ihm sage auch ich: Gut — trotz allem — und schaue alles mit dankbarem und wohlwollendem Blick an.

Heilung eines Besessenen – Markus-Evangelium 5,1-20

Zerbrochen,
gestern zerbrochen,
bis ins kleinste Atom hinein.
Suche die Bruchstücke, suche und krieche,
krieche selbst ins kleinste Loch.
Suche mich, doch finde
nur Deinen Namen,
und jetzt — jetzt
bin ich ich.

Heilung eines Besessenen – Markus-Evangelium 5,1-20

Denn wir sind viele

Wie heiße ich? Wer bin ich? Was macht mich aus? — Nomen est omen! Namen drücken etwas vom Wesen und der Bedeutung einer Person aus. — Wie würdest Du Dich nennen? Wie nennt man Dich? Was ist bezeichnend für Dich?

Ich finde es schwierig zu benennen, was in meiner Seele lebt: Was macht meine Person aus? Was ist ungeordnet in mir? Was lebt dort an Dämonischem? Wo bin ich schuldig geworden? Was verwundet, was belastet, was verkrümmt und verkrüppelt mich? Sogar die eigenen positiven Antriebe und Fähigkeiten kann ich nicht gut ausdrücken.

Jesu Frage: Wie heißt Du? hilft Legion davon zu sprechen, welche unentschiedene Vielfalt und welche ungeordneten, gegenläufige Kräfte in ihm wirken.

Ich weiß, dass in mir nur das geheilt werden kann, was ich mir bewusst mache und annehme, mit dem Willen mich weiterführen und verwandeln zu lassen. Auch das Positive kann sich nur richtig entwickeln und zur Wirkung kommen, wenn ich es wahrnehme und mich dafür entscheide.

Jesus fordert Legion, mich und dich auf, mit Namen zu nennen, was uns bewegt. So kann fruchtbar werden, was Gott in uns und unsere Lebensgeschichten hineingelegt hat. Wenn wir es benennen, kann sogar das Schwierige und Verquere geheilt werden.
Wie heißt Du?