Der Sturm auf dem See – Markus-Evangelium 4,35-41

Und plötzlich ist es ganz still …

Eine große Woge schleudert mich über Bord. Das Seil, mit dem ich mich festgebunden hatte, kann mich nicht halten, es zerreißt. Ich suche etwas, an dem ich mich festhalten kann, doch die Wellen schleudern mich umher und es gelingt mir kaum meinen Kopf über Wasser zu halten. Ich ertrinke. Eine entsetzliche Furcht überkommt mich. Im letzten Augenblick ergreife ich etwas und klammer mich daran fest. Der Wind lässt nach und die Wogen werden glatter. Ich suche den Horizont ab. Nur Wasser und Wolken! Meine Freunde und das Boot entdecke ich nicht. Ich bin allein. Der Himmel ist blutrot, dann wird er schwarz. Ich sehe und höre nichts. Tiefe Dunkelheit und Stille umgibt mich. Gespannt lausche ich in die Ferne – nichts. Durchtränkt und zitternd liege ich auf meiner Planke. Fest umklammere ich das kleinen Stück Holz. Meine Hände schmerzen. Wie viel Zeit ist wohl vergangen? Es ist immer noch finster. Wie soll mich jemand in dieser Dunkelheit finden? Werde ich es bis morgen früh schaffen? Ich merke, wie die Kraft in meinen Händen nachlässt und sie verkrampfen. Vorsichtig löse ich sie und lasse die Planke los. Eine kleine Welle schubst mich fast von meinem rettenden Stück Holz und ich greife wieder zu. Wie lange kann ich das noch durchhalten? Ich blicke in die Finsternis, meine Augen brennen. Erneut überschüttet mich eine Woge. Ich huste und ringe nach Luft. Mein Körper zittert und schmerzt. Ich friere. Es ist immer noch dunkel. Sterbend liege ich auf meinem Grab. Ich schließe meine Augen.

Eine klare, sanfte Stimme erklingt und eine wohlige Wärme durchflutet langsam meinen leblosen Körper. Ich öffne meine Augen. Ein gleißendes Licht umgibt mich und obwohl es mich blendet, kann ich meine Augen nicht schließen. Ich schaue in dieses wundersame Licht und ein tiefer innerer Friede erfüllt mein Herz. Die Leute erzählen mir, wie sie mich gefunden hatten, mich zu Jesus brachten und wie Jesus mich heilte. Ich beschließe diesen Jesus zu suchen und ihm zu folgen. Ich finde Jesus am See. Er spricht von einem Boot aus zu den Menschen, die sich am Strand und in anderen Booten um ihn herum versammeln. Damit ich Jesus besser sehen und hören kann, beschließe ich, auf eines der Boote zu gelangen, das seinem Boot ganz nahe ist. Ich schwimme durchs Wasser und als ich mich gerade am Boot hochziehe, merke ich, wie sie die Segel setzen und in See stechen. Ich bin besorgt Jesus aus den Augen zu verlieren. Doch das Boot folgt Jesus auf den See hinaus. Es wird dunkel. In der Ferne höre ich ein dumpfes Grollen und der Wind braust mir immer stärker um die Ohren. Ich schaue nach vorne. Die Wolken türmen sich zu mächtigen dunklen Bergen auf und Blitze leuchten immer wieder zwischen ihnen hindurch. Das Unwetter stürmt direkt auf uns zu. Die Gischt peitscht mir ins Gesicht und der Regen prasselt auf mich herab. Bedrohlich dröhnt der Wind. Die Wellen krachen gegen den Bug. Ein starker, heftiger Sturm entlädt sich über dem kleinen Boot, einer, der Berge zerreißt und Felsen zerbricht (1). Es gibt kein entrinnen. Gelähmt vor Angst blicke ich meinem Untergang entgegen.

Ich denke an den Sturm, der mich in die tiefsten Tiefen riss und meine Freunde tötete. Panik überkommt mich. Wo gibt es Rettung? Warum bin ich diesem Jesus nur gefolgt? Jesus – ich erinnere mich – ich spüre seine Hand auf meiner Stirn, sehe seine freundlichen Augen, sehe, wie er mich anschaut, wie er mit mir spricht. Er ist da, er ist ganz nah. Der Sturm peitscht das Wasser in hohen Wellen in das Boot hinein. Schnell binde ich mir ein Seil um meinen Bauch und befestige es. Gemeinsam mit den anderen versuche ich das Boot richtig in den Wind zu drehen und stabil zu halten. Der Sturm legt sich und plötzlich ist es ganz still. Ich höre ein sanftes, leises Säuseln (1). Ich gehe zur Reling, schaue zu dem anderen Boot hinüber und sehe Jesus dort stehen – dann verstehe ich.

(1) 1 Könige 19,11-13

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